Presseartikel 2014 PDF Drucken E-Mail


Kleine Gemeinde – großer Horizont

Interkulturelle Woche 2014 - Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern

So lautete das Thema der diesjährigen Interkulturellen Woche in Deutschland. Im Gemeinsamen Wort der Kirchen vom Mai 2014 warnen die Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, der Ev. Kirche in Deutschland und der Griechisch- Orthodoxen Metropolie, dass die Grundlagen einer Gesellschaft nicht zur Disposition gestellt werden dürfen. Sie betonen: „Die Verpflichtung der Menschenrechte ist eine der entscheidenden Grundlagen unserer Gesellschaft (…) Neben den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes muss in unserem reichen Land immer auch Platz für diejenigen sein, die unserer Fürsorge und Zuwendung bedürfen.

Bereits zum 4. Mal fand am 25. September 2014 eine Veranstaltung der Ausländerberatung des Ev. Kirchenkreises in der ev.-methodistischen Ägidienkirche in Erfurt statt.

Wie bereits in den vergangenen Jahren erlebten wir mit der Unterstützung der Kirchgemeinde und Gästen ein frohes Miteinander von über 100 Menschen aus ca. 10 Ländern unter dem Slogan “Vielfalt erleben“. Integrationskurs-Teilnehmer stellten in Collagen ihre Herkunftsländer vor. Kinder und Jugendliche des Theaterworkshops (Kinder mit und ohne Migrationshintergrund) sorgten für Spannung und Spaß beim Theaterstück „Verdacht!“ – Ein Krimi mit Migrationshintergrund. Den musikalischen Rahmen gestalteten Schülerinnen und Schüler des katholischen Edith-Stein-Gymnasiums Erfurt.

Bei einem meditativen Essen mit Gebäck aus den verschiedenen Ländern erinnerten wir an Landsleute und Angehörige unserer ausländischen Mitmenschen, die in der Heimat schreckliche Not leiden. Krieg und Verfolgung, Dürre- und Überflutungskatastrophen und die Ebola-Seuche in Westafrika zerstören ihr Leben und reißen ihre Familien auseinander. Wir dachten an die Verzweifelten in Flüchtlingslagern und Abschiebegefängnissen, auch hier in Deutschland. Im Miteinander und in der Begegnung bekamen unzählige Schicksale Gesicht und Stimme und mahnten uns, dass wir nur solidarisch in Einer Welt leben und überleben können. Die Vielfalt der Gesellschaft und der Religionen hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Faszination, sondern auch Ängste und Furcht ausgelöst. Die Flüchtlingsströme durch die Gräueltaten der Terrormiliz IS lassen uns fassungslos vor dem Bildschirm sitzen.

Geleitet vom Wissen der Menschenrechte, aber vor allem ihrem christlichen Glauben verpflichtet, haben die Schwestern und Brüder der Ägidien- Kirchgemeinde keinerlei Berührungsängste. Und das nicht erst seitdem sie einen Pastor aus Amerika haben. Jedes Jahr besuchen Hunderte Touristen aus aller Welt die historische Ägidienkirche auf der Krämerbrücke, einige von ihnen feiern auch die sonntäglichen Gottesdienste mit. Dennoch war die größte Herausforderung für die kleine Gemeinde das Kirchenasyl einer kurdischen Familie mit drei kleinen Kindern von 1997 bis 2001 in den damals fast fensterlosen oberen Räumen der Ägidienkirche. Aber bereits Anfang der 90iger Jahre fanden in der Ägidienkirche für eineinhalb Jahre Bürgerkriegsflüchtlinge (bosnische Serben) aus dem zerfallenden Jugoslawien einen Schutzraum. Die Kirchgemeinde unterstützte die kleine Familie muslimischen Glaubens mit Sach- und Geldspenden. Diese Erfahrung der absoluten Mitmenschlichkeit und das gegenseitige Wahr- und Annehmen als Schwestern und Brüder dieser Einen Welt hat Ängste abgebaut und die Herzen bis heute geöffnet.

Viele Menschen in unserem Land haben nicht die Möglichkeit der Begegnung mit ausländischen Mitmenschen und Flüchtlingen oder sogar negative Erfahrungen mit ihnen gemacht. So fällt es ihnen schwer, Vorurteile in Akzeptanz und Wertschätzung zu verwandeln. Aber die Möglichkeit der Information fern aller Stammtischparolen haben wir alle, ebenso die Barmherzigkeit mit den notleidenden Menschen im Herzen zu entdecken. Ein Satz der Interkulturellen Woche 2013 kann gerade deshalb zu einem täglichen Übungsfeld werden: „Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch.“ Oder biblisch ausgedrückt:

„… ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35).

Johanna Ringeis, Ägidien-Kirchgemeinde Erfurt


 
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